Problem: Heuknappheit

Kann man Heu in der Ration ersetzen?

Wenn Heu so teuer ist, kann man es nicht einfach in der Ration ersetzen? Dieses Thema behandelte Prof. Dr. Ellen Kienzle, Inhaberin des Lehrstuhls für Tierernährung und Diätetik an der Universität München. Heu habe viele Eigenschaften, die für die Ernährung des Pferdes äußerst wichtig seien. Alle zunächst denkbaren Alternativen, sei es Heulage, Stroh, Grascobs, Ammoniakstroh, Kleie, Winterweide oder Häckselprodukte, müssten anhand der hohen Messlatte, die Heu setzt, bewertet werden. Heu befriedigt das genetisch verankerte Kaubedürfnis von Pferden. Die Tiere müssen ausreichend zu kauen haben, ansonsten beginnen sie, Verhaltensstörungen wie Weben oder Koppen zu zeigen, aggressiv zu werden und alles zu fressen, was ihnen in die Quere kommt: Holz, Kot sowie Sand in großen Mengen, was zu Sandkoliken führt. Das Kauen von Heu verursacht zudem reichlichen Speichelfluss, der den Magen- und Darminhalt flüssig hält und die Gefahr von Anschoppungen und Koliken senkt. Darüber hinaus sorgt der Speichel dafür, dass der Magen vor Geschwüren und der gesamte Organismus vor Übersäuerung geschützt wird. Ein weiterer Pluspunkt von Heu ist, dass es gut für die Mikroben im Pferdedarm ist, die bei Heufütterung für ein optimales Maß an Gärung sorgen. Andere Futtermittel können dagegen zu übermäßiger Gärung und in der Folge zur Aufgasung/Krampfkolik bzw. bei zu geringer Gärung zur Verstopfungskolik führen. Diese vier Kriterien – Kaubedürfnis, Speichelfluss, Pufferung, Gärfähigkeit – müssen von Heualternativen erfüllt werden.

Was sind Alternativen und No-Gos?
Völlig inakzeptabel ist es, frisches, noch nicht durchgegorenes Heu zu verfüttern, dies ist extrem gefährlich für Pferde. Ein weiteres No-Go ist es, Heu mit Kraftfutter ersetzen zu wollen. Das führt zu Verhaltensstörungen und Aggressivität, erschwert nachweislich die Arbeit mit dem Pferd und erhöht das Risiko zum Beispiel für Krampfkoliken, Magengeschwüre und Stoffwechselerkrankungen. Ein sehr guter Heuersatz ist dagegen Heulage. Vorausgesetzt, sie hat mehr als 30 Prozent Trockenmasse und ist von guter hygienischer Qualität. Was Kaubedürfnis, Speichelfluss, Pufferung und Gärfähigkeit im Darm angeht, stuft Kienzle qualitätsvolle Heulage als sehr gute Alternative zu Heu ein. 

Stroh dagegen schneidet längst nicht so positiv ab. Zwar decke es das Kaubedürfnis von Pferden, alle anderen Punkte blieben jedoch unerfüllt. Die geringe Gärfähigkeit kann zu Verstopfungskoliken führen. Daher darf Stroh maximal ein Drittel der Raufutterration ausmachen. Ist eine strohreiche Ration unumgänglich, soll diese laut Kienzle mit abführenden Futtermitteln wie Kleie, eingeweichten Trockenschnitzeln oder Viehrüben ergänzt werden. Die Mahlzeiten müssen zahlreich und klein sein (vier pro Tag), es muss stets ausreichend und nicht zu kaltes Wasser zur Verfügung stehen, auch auf dem Paddock! Stehtage sind bei strohreichen Rationen tabu, die Pferde brauchen viel Bewegung. 
Etwas besser schneidet Stroh ab, das mit Ammoniak aufgeschlossen wurde, sogenanntes „Ammoniakstroh“, wie es „früher“ gängig war. Das Stroh wird unter einer Plane mit Ammoniak begast, wodurch die holzigen Anteile (Lignin) abgelöst und die Verdaulichkeit erhöht wird. Ammoniakstroh zeigt eine höhere Gärfähigkeit, die Gefahr der Verstopfung ist somit geringer. Dennoch sollten Ammoniakstroh stets abführende Futtermittel zugegeben werden, Kienzle empfiehlt zudem, das aufgeschlossene Stroh mit Grascobs zu kombinieren. 

Grascobs als alleiniger Heuersatz finden nicht die Zustimmung der Tierernährungsexpertin. Zwar zeigen sie eine gute Gärfähigkeit und Pufferung, jedoch bieten sie dem Pferd nicht genug zu kauen und es wird zu wenig Speichel gebildet, was das Risiko für Koliken und Magengeschwüre steigen lässt. Möglich, wenn auch nicht wirklich empfehlenswert sei es, Grascobs mit Stroh zu kombinieren. Es gelten dann jedoch die gleichen Forderungen wie an eine strohreiche Ration (abführende Futtermittel, viel Bewegung und Wasser), und die Grascobs müssen eingeweicht werden. 

Kleie als ballaststoffreiches Futtermittel ist als Heuersatz ungeeignet. Sie würde, in diesem Ausmaß verabreicht, zu Problemen wie Darmsteinen, Bighead Disease, Kohlenhydratstoffwechselstörungen und EMS (Equines Metabolisches Syndrom) führen. 

Bei kommerziellen gehäckselten Produkten, die als Heuersatz verkauft werden, müsse darauf geachtet werden, dass die Häcksel immer mindestens vier Zentimeter lang sind, ansonsten stellen sie ein Risiko dar (Blinddarmverstopfung). Dies gilt übrigens auch für gehäckseltes Stroh, das eingestreut wird. Maissilage wiederum kommt zwar für Pferde prinzipiell in Frage, hat aber deutliche Nachteile: Die Pferde werden schnell fett davon, was Maissilage ungeeignet für Freizeitpferde macht. Sportpferde dagegen, die aufgrund ihrer Leistung nicht fett würden, schwitzen von der Silage stark. Ein weiteres Problem sei der schnelle Verderb von Maissilage, so Kienzle.

Winterweide als Alternative?
Manche Pferdehalter überlegen, ihre Tiere auf die Winterweide zu stellen, und so Heu einzusparen. Das Gras erfüllt zwar die vier genannten Bedingungen, allerdings ist sein Kaloriengehalt in dieser Jahreszeit gering, die Winterweide kommt daher vor allem für Robustpferde mit niedrigem Bedarf in Frage. Die Pferde sollten Heu/Stroh, nach Bedarf auch Kraftfutter, auf jeden Fall aber ein selenhaltiges Mineralfutter zugefüttert bekommen, empfiehlt Kienzle. Das Fazit der Tierernährungsexpertin in puncto Heuersatz fiel knapp und eindeutig aus: Als wirklich empfehlenswerte Alternative sieht sie lediglich Heulage an, akzeptabel seien außerdem die Winterweide mit Zufütterung und mit Ammoniak aufgeschlossenes Stroh in Kombination mit Grascobs.

Jorinde Buck

Quelle: Pferdebetrieb 01/2012
 

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Tel.: 08233 - 381 141

Stand: 29.03.2012

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